Die beiden Großschanzen im Winter

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Rydzeks dritter Streich

Der Allgäuer holt sich in Lahti zum dritten Mal Gold und macht sich damit zum Rekordweltmeister. Statistiken interessieren den 25-Jährigen momentan aber nicht. Er ist vor allem eines: fassungslos

©-Jürgen-Rief-2015---WM-Empfang-Oberstdorf-67

Dieser dritte Weltmeistertitel in Folge hat Johannes Rydzek selbst am meisten überrascht. Als er vor dem Abspielen der deutschen Hymne aufs Podest mit der Nummer eins gebeten wurde, schüttelte er den Kopf, griff sich an die Stirn und schloss beim Blick in den Abendhimmel von Lahti nicht nur einmal die Augen. Er schien fassungslos. Fassungslos vor Glück. Alle anderen um ihn herum taten aber so, als sei es das Normalste der Welt, dass dieser große Deutsche mit dem Dreitagebart und der auffallend breiten Brust wieder da stand, wo er bei dieser WM bislang immer stand – nämlich ganz oben. Nordische Kombination ist seit dieser Woche nicht die Sportart, bei der 50 Athleten springen und laufen und am Ende immer ein Deutscher gewinnt, sondern Johannes Rydzek.

Der 25-jährige Oberstdorfer kürte sich mit seinem Gold-Hattrick in der Königsdisziplin des nordischen Skisports zum König von Lahti. Im Eiltempo ist er an die Spitze der ewigen WM-Bestenliste gestürmt. Zehn Medaillen (5 Gold/4 Silber/1 Bronze) hat er seit den Titelkämpfen 2011 in Oslo eingeheimst und damit den Norweger Bjarte Engen Vik (5/3/0) und Jason Lamy Chappuis aus Frankreich (5/0/5) überflügelt. Was Rydzek aber nicht groß kümmerte. Vor Kameras und Mikrofonen nannte er seinen Triumph „eine coole Sache“. Er genieße jedes Rennen und was gerade dabei herauskomme, sei einfach nur „phänomenal“. Begreifen könne er das Ganze vermutlich erst mit ein paar Tagen Abstand, wenn er wieder zu Hause sei. Sprach’s und drängte im nasskalten Regen von Lahti ins Trockene: „Ein Rennen ist ja noch“, bemerkte er mit Hinblick auf den Teamsprint am Freitag – und signalisierte damit der Konkurrenz, dass sein Erfolgshunger noch nicht gestillt ist.

Lobeshymnen sangen auch Rydzeks Konkurrenten, die diesmal etwas überraschend nicht aus dem eigenen Lager kamen. Bronzemedaillengewinner Francois Braud aus Frankreich nannte ihn „unumstritten den Weltbesten, der noch nicht am Ende ist“. Der Zweite, Akito Watabe aus Japan, sagte, er liebe auch die Berge und würde mit Johannes gerne mal im Sommer zum Mountainbiken gehen. Es war einer der wenigen Momente, in denen Rydzek so etwas wie Rührung zeigte: „Es gibt ja viele Schulterklopfer, aber so etwas vom Konkurrenten zu hören, ist etwas ganz Besonderes.“ Rydzeks Dauerrivale Eric Frenzel, der mit Rang sieben sein zweitschlechtestes Ergebnis der letzten drei Weltmeisterschaften einfuhr, kommentierte den Erfolg seines Kumpels alles andere als überschwänglich: „Herzlichen Glückwunsch, das hat er wieder stark gemacht.“ Nach Wochen der Harmonie ging Frenzel gestern erstmals deutlich auf Distanz, was die Aufgabe von Hermann Weinbuch bezüglich der Nominierung für den Teamsprint nicht einfacher macht: Fix sei nur, dass Rydzek gesetzt sei. Fabian Rießle, der Sechster wurde, wäre auch noch ein potenzieller Partner Rydzeks. Der Schwarzwälder war fast euphorischer als der Seriensieger selbst: „Der Kerl ist der Hammer, der rockt momentan richtig. Da kann man den Hut ziehen, der macht sein Zeug. Da geht alles auf.“

Anders als beim Wettbewerb von der Normalschanze musste der Oberstdorfer diesmal alle Energie aufwenden. Genau eine Minute Rückstand musste er nach einem 122-Meter-Sprung von der Großschanze auf den Österreicher Mario Seidl in der Loipe aufholen. Schon vor dem Start des 10-Kilometer-Langlaufs war Weinbuch überzeugt: „Ich bin überzeugt, dass Rydzek noch Gold holt.“ Hinterher bescheinigte er seinem Musterschüler, „taktisch clever gelaufen zu sein“. Zusammen mit dem Österreicher Wilhelm Denifl, der überraschend lange die Führungsarbeit übernommen hatte, sowie Braud und Watabe, hatte Rydzek den Rückstand auf Seidl kontinuierlich verkürzt. 500 Meter vor dem Ziel, kurz vor der Einfahrt ins Stadion, setzte Rydzek zur Attacke an. Zwischen Bande und dem Franzosen Braud schob er sich nach vorn – genau vor den Augen seines Trainers Weinbuch. Dem rutschte noch einmal das Herz in die Hose, weil die Top 3 an dieser Stelle auf eine Gruppe Nachzügler traf. „Das hätte noch gefährlich werden können, aber ich wusste, dass Ritschie ein sehr hartes, langes Finish hat.“ Sekunden später lief der Allgäuer über die Ziellinie – und jubelte. Ein paar Meter entfernt lagen sich Papa Michael und Freundin Lissi in den Armen. Das blaue Shirt mit dem gelb-roten R auf der Brust hatte als Glücksbringer wieder einmal seine Aufgabe erfüllt. Super-Ritschie.

Text: Thomas Weiß | Allgäuer Anzeigeblatt 02.03.2017